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Mittwoch, 16. Januar 2013, 03:03

Der Anfang

Mein Coming-Out liegt fast 3 Wochen her.

Drei Wochen die wie drei Monaten oder drei Jahren vorkommen, so intensiv und schwer sie waren. Jedoch können diese drei Wochen nichts über die nächste drei Wochen, drei Monate und drei Jahre sagen. Es war immer klar, dass es nicht einfach wird. Man überlegt es sich hin und her, für Tage, für Monate versucht man sich vorzustellen wie es ankommt, was die Reaktion wird. Man weiß natürlich, dass für sie schwierig wird. Man glaubt sie zu kennen und sich etwas vorstellen zu können – aber kannte sie MICH und konnte sie sich „DAS“ vorstellen? Wie begrenzt gut kennt man tatsächlich sein Partner. Die Last war schwerer als ich dachte – oder als ich hoffte? Das es alles in Diskussion bringt - unsere Beziehung, die Familie, die Zukunft, unser Lebensstil – war offensichtlich, das ist was das Outing ja schwer tut. Das jemand verletzt wird kann man sich auch ausdenken, und man glaubt die andere Person auch trösten zu können. Wir kennen uns halt gut, oder … Man ist ja seit 20 Jahren zusammen, hat Kinder auf die Welt gebracht und erzogen, man hatte sehr schöne Momente zusammen und auch sehr schwierige, man hat immer alles besprechen können, man war immer zusammen für eine Lösung da, man hat sich das ewige Zusammenleben versprochen (Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, der Tod muss dich und mich scheiden. Ruth 1,16f)

Was ich vielleicht wenig bedacht habe und nicht in seine Wirkungsbreite mir denken konnte, ist wie sehr „DAS“ ihre eigene Identität selbst in Frage stellt. Nach einer lange Zeit gewidmet zu meiner Selbstfindung, meiner neuen Definition, zu Erfahrungen um zu verstehen was ich bin, was ich kann, was ich will, nach schlaflose Nächte und viele Lügen, wenn endlich ich sicher bin , dass ich „DAS“ bin, wenn es klar ist, ich kann es ihr nicht mehr verheimlichen, es ist ihr Recht es zu wissen, alles anders wäre unfair, es kommt sowieso irgendwann raus, je später desto schlimmer, wir müssen ja beide damit leben lernen … dann ist das Outing fast wie eine Entlastung: die Last liegt nicht mehr auf meine Schulter, leider mehr auf ihre. Ich war (oder dachte zu sein) vorbereitet, sie aber nicht. Was ich über die letzten Jahren durchgemacht habe, hat sie – ohne es sich auszusuchen und was dagegen machen zu müssen – in wenigen Tagen durchgemacht. Ihre Identität , sie ist auch nicht mehr die gleiche Person, verletzt, entwertet. Jetzt die Reise die ich allein gestartet habe, müssen wir zusammen führen. Sie muss auch sich neu erfinden, ihre neue Identität. Sie hat sich immer auf mich verlassen, ich war ihre Sicherheit, der „Fels“ (ihre Worte) der sie unterstützt hat und ihr das Vertrauen, die Energie und das positive unbeschwerte Denken gegeben hat um alle die schöne und wichtige Dinge im Leben zu machen, die sie so toll macht. Dann kam der Erdbeben, der Fels ist gebrochen und der Tsunami hat ihre Identität mit sich genommen. Trotzdem, das Coming-Out war richtig. Der Zeitpunkt auch. Wie blöd es auch klingen mag, es ist gut gegangen und besser hätte es nicht sein können – für beide. Sie ist mir dankbar, dass ich mit ihr gesprochen habe. Ich selbst bin einer Person aus diesem Forum besonders dankbar, er hat mir viel von seiner Zeit spendiert und seine Erfahrung, seine Gedanken haben mir Kraft, Inspiration und den Mut gegeben. Ohne ihm hätte ich vielleicht mich noch nicht getraut und es noch schlimmer gemacht. Ich habe meiner Frau, in einer Nacht kurz nach Weihnachten alles erzählt. Sie fragte ohne große Hintergedanken was ich an dem Tag getan habe. Für mich war es klar, entweder rede ich jetzt oder muss ich sie wieder anlügen, was ich nicht mehr wollte. Ich fragte, ob sie nie gedacht hat, ob ich vielleicht etwas Schwul bin. Sie lachte um zu de-dramatisieren, schaute mich an mit großen Augen: du machst ein Witz, oder? Dann erzählte ich, dass ich mich öfter im letzten Jahr mit Männer getroffen habe, dass ich Männer mag – und sie auch – und eben also Bisex bin. Für zwei Minuten muss sie lachen und versuchte kein Wort zu glauben, dann fing sie an zu weinen. Wir haben 3 Nächte nicht geschlafen, wir haben uns umarmt , gesprochen, geküsst, festgehalten und zusammen geweint. Ihre Träne und meine Träne nicht auseinander zu halten , zusammen geschmolzen. Tagsüber konnten wir uns nicht trennen. Vor den Kinder haben wir uns ständig umarmt und geküsst, sie sahen uns mit großen Augen und ein stolzes Lächeln, dass Mama und Papa sie so lieb haben – wie haben den ganzen Tag mit ihnen gespielt. In der Nacht gingen die Gespräche weiter. Sie wollte alles wissen. Kein Tabu mehr, nichts unausgesprochen. Wo, wann, mit wem und was. Die Details. Es ist peinlich einer Frau zu sagen was man mit Männer tut, aber es musste sein. Das ist jetzt auch ihre Reise, ich habe sie mitgenommen. Immer wieder haben wir beide betont, wie sehr wir uns lieben, wie wichtig uns die Familie ist. Sie respektiert mich noch. Sie liebt mich noch mehr. Ich respektiere und liebe sie noch mehr. Und das wird die Basis sein um das Gespräch weiter zu führen und das Leben hoffentlich gemeinsam weiter zu leben. Sie findet die homosexuellen Sexualpraktiken eigentlich eklig, kann sich nicht vorstellen dass es mir gefallen kann, und gleichzeitig findet sie mich nicht eklig und hat insgesamt noch volle Sympathie, Verständnis und Toleranz für die (andere) Homosexuelle.

Am Silvester hatten wir Freunden bei uns, wir mussten noch einkaufen, gemeinsam kochen, gute Laune haben und wir hatten drei Nächte lang nicht geschlafen. Eigentlich keinen Bock drauf. Aber wir ziehen wieder unsere Maschera a la Pirandello an. Am Tag danach wachen wir auf und sie meint: ich kann wieder lachen, auch wenn es draußen noch dunkel ist. Es war als wäre alles vorbei, wir haben gesagt was man akzeptieren kann und nicht, wir haben Regeln definiert. Wir haben einen Flug nach Berlin gebucht und sind ohne Kinder weg geflogen, in die große gay Stadt. Sie fing an mit mir zu spielen und Männer anzuschauen, wen mag ich und wen nicht. Oft mögen wir die gleiche Männer... Sie zählt bis 10 Männer und sagt, 10% bisexuelle, der ist für dich :-) Irgendwie hat sie manchmal auch etwas Stolz , dass ihr Mann „anders“ ist als viele „reguläre“ Männer. Schwule sind ja mal was besonders für eine aufgeklärte moderne Frau. Oder vielleicht ist das auch nur ein Weg um damit umzugehen. Trotzdem, auch wenn uns gut ging und es schön war, gab es natürlich Spannung in Hintergrund, und als wir wieder beide zurück in die Arbeit mussten, kam der Stress , die Traurigkeit wieder hoch. Sie kann nicht mehr mich weg gehen lassen. An manche Tagen ist sie noch verzweifelt und glaubt sie drehe durch. Sie liest in Internet was alle für ein Angebot für Männer gibt, wo man sich treffen kann und bekommt Angst. Sie meint, sie wird es nicht aushalten, nie.


Wir haben noch viel Arbeit vor uns. Ich freue mich auf jeden Tag wo wir entspannt sind, aber ich weiß, dass es jeder Zeit anders aussehen kann. Sie will langfristig denken. Ich kann nur nach Heute und Morgen schauen. Wir werden sicher noch viel Zeit brauchen. Was es wird, schwer zu sagen. Sie will und kann mich nicht mit jemand teilen. Ich habe keinen Freund , das macht es im Moment ja etwas einfacher. 3 Wochen die wie ein ganzes Leben vorkommen und nichts über die Zukunft sagen. Aber wir begleiten uns in diese Reise mit Liebe, Respekt und gegenseitigen Verständnis. Nachbeben wird es immer geben.


Luca


"Die Wahrheit, ein schmerzlicher weg. Aber einen besseren gibt es nicht", Bettina von Kleist, Mein Mann liebt einen Mann

Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von »Luca« (16. Januar 2013, 03:13)


bi_urself

unregistriert

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Dienstag, 12. Februar 2013, 10:32

Hallo Luca!

Deine Geschichte hat mich sehr bewegt, weil es bei mir auch noch nicht lange her ist, dass ich meiner Frau das Geständnis gemacht habe. Ich finde es aber sehr gut, dass du auch den Mut gefunden hast, es deiner Frau offen zu beichten! Und dass sie dich nicht gleich hat fallen lassen oder vor ein Ultimatum gestellt hat, zeugt wohl auch davon, wie stabil eure Beziehung ist. Ich hoffe, dass ihr es in Zukunft gemeinsam schafft und dass ihr deine Neigung irgendwann als "normal" ansehen könnt. Das braucht sicherlich viel Zeit und Kraft, aber wenn man sich wirklich liebt, sollte auch das zu schaffen sein. Ich glaube jedenfalls fest daran!

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