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Mittwoch, 6. Juni 2012, 16:18

Liebe zwischen den Ufern

von Nicole Lauscher

Sie lieben Männer und Frauen, deshalb sind sie oft ungeliebt. Bisexualität ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema – weil sie das Schubladendenken stört.
Ja oder nein, schwarz oder weiß, Mann oder Frau. Aber was, wenn sich jemand nicht festlegen will? Im Showgeschäft ist Flexibilität attraktiv. Wenn Madonna, Amy Winehouse oder Lady Gaga verkünden, sie würden auf beide Geschlechter stehen, sichert ihnen das wenigstens für einen Tag das Medieninteresse. Frauen können das verstehen und Männer finden das geil. Selbst Inge Meysel konnte auf ihre alten Tage gestehen, bisexuell zu sein, ohne befürchten zu müssen, den Beinamen „Mutter der Nation“ zu verlieren. Für Männer sieht die Lage schon schwieriger aus. Sich zu outen fällt leichter, wenn die Bisexualität zum Image passt und die weiblichen Fans nicht verprellt, Mika oder David Bowie sind solche Kandidaten.

Wer in seriöser Umgebung ernst genommen werden will, muss Position beziehen. Am besten natürlich, er ist „normal“ heterosexuell. Neuerdings dürfen Politiker auch schwul sein, Polit-Talkmasterinnen lesbisch. Bisexualität existiert in diesen Kreisen aber scheinbar nicht. Vielleicht weil diese sexuelle Orientierung nicht in eine Schublade passt. Schubladendenken aber beruhigt, weil dann alles seine Ordnung hat.

Manche Menschen sind manchmal bi
Bisexualität passt in keine Schublade. Es gibt nicht einmal eine genaue Definition, was es überhaupt bedeutet, bisexuell zu sein. Um diese sexuelle Orientierung zu beschreiben, berufen sich Wissenschaftler gern auf eine Skala, die der US-amerikanische Sexualforscher Alfred Charles Kinsey bereits 1948 im „Kinsey-Report“ veröffentlichte. Sie reicht von null bis sechs: Null steht für ausschließlich hetero-, sechs für ausschließlich homosexuell. Alle Stufen dazwischen sind Abstufungen bisexueller Orientierung. Ob schon bisexuell ist, wer vom Sex mit dem einen Geschlecht phantasiert, aber mit dem anderen ins Bett geht, darüber gehen die Meinungen auseinander.
Doch nicht nur die breite Spanne – bi ist, wer nicht ganz eindeutig homo- oder heterosexuell ist – macht eine genaue Definition unmöglich. „Bisexualität ist nicht endgültig“, sagt der Sexualwissenschaftler Harald Stumpe vom Institut „Sexualpädagogisches Zentrum“ der Fachhochschule Merseburg. „Sie ist in einem gewissen Maße frei wählbar. Es kann sein, dass sich jemand in einer Phase seines Lebens als heterosexuell und in einer anderen als bisexuell beschreibt.“

Übergang oder gar nicht existent?

Einige Wissenschaftler beschreiben Bisexualität auch als Orientierungszeit, in der Betroffene ihre sexuelle Identität zwischen Hetero- und Homosexualität finden. Forscher der University of Utah widersprechen dieser These. Anhand einer Langzeitstudie wollen sie bewiesen haben, dass Bisexualität eine eigenständige Form der sexuellen Orientierung und eben kein Übergangsstadium ist. Sie begleiteten 79 Frauen im Alter von 18 bis 25 Jahren über einen Zeitraum von zehn Jahren: Fast alle Frauen, die ihre sexuelle Orientierung zu Beginn der Studie als bisexuell oder unbestimmt beschrieben hatten, behielten diese Einschätzung bis zum Ende der Untersuchung.

Bisexualität gibt es gar nicht, sagen andere Forscher. In Wahrheit seien die Betroffenen homosexuell. Sie fühlten sich aufgrund des gesellschaftlichen Drucks jedoch dazu gezwungen, auch das andere Geschlecht attraktiv zu finden. Eine kanadische Studie, die das Magazin „Psychological Science“ 2005 veröffentlichte, stützt diese These. Sie kommt zu dem Ergebnis, männliche Bisexualität sei eine Kopfsache.
In der Untersuchung zeigten die Forscher 30 heterosexuellen, 33 bisexuellen und 38 homosexuellen Männern Videos, in denen entweder zwei Frauen oder zwei Männer Sex hatten. Die Probanden sollten angeben, wie stark sie sich durch die Darstellungen erregt fühlten. Gleichzeitig maßen die Forscher die körperliche Erregung der Teilnehmer. Während für die hetero- und homosexuellen Probanden subjektives Empfinden und körperliche Erregung übereinstimmten, zeigten sich für die bisexuellen deutliche Differenzen: Obwohl sie angaben, sich von beiden Reizen erregt zu fühlen, reagierten sie körperlich nur auf eine der Darstellungen – in den meisten Fällen war das die männliche.

Bisexualität ist keine Frage des Alters

Jürgen Höhn war verheiratet, als ihm bewusst wurde, dass er Frauen und Männer liebt. Um seine Ehe nicht zu gefährden, ging er zu Psychologen: „Ich dachte, sie könnten mir die Neigung vielleicht wegtherapieren.“ Heterosexuelle Therapeuten wollten ihm seine Homosexualität als Unreife ausreden, homosexuelle dagegen versuchten, ihm die Heterosexualität als bürgerliches Deckmäntelchen zu vermiesen. Erst spät fand Jürgen Höhn in der Therapie was er wirklich suchte: die Erlaubnis, Männer und Frauen gleichzeitig zu lieben. Seine Ehe ging trotzdem in die Brüche, aber heute ist er überzeugt: „Das lag nicht an meiner sexuellen Orientierung!“
Höhn sattelte beruflich um und wurde selbst Therapeut. Bisexualität ist sein Spezialgebiet. 1994 gründete er das Zentrum für Bisexuelle Lebensweisen in Berlin, eine deutschlandweit bis heute einzigartige Einrichtung, die Therapiestunden, Telefonberatung, Abend- und Wochenendveranstaltungen anbietet. Der Bedarf ist groß. „Viele Menschen, die zu uns kommen, entdecken gerade ihre eigene Identität“, sagt Jürgen Höhn. Das seien nicht immer Heterosexuelle, die sich auf einmal zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlten, sondern auch überzeugte Lesben, die sich in einen Mann verlieben. Dieses Coming-out falle ihnen meistens viel schwerer als früher das zur Homosexualität.
„Bisexualität ist kein Phänomen, das nur im Jugendalter auftritt“, bestätigt auch der Sexualwissenschaftler Harald Stumpe. „Viele Menschen, die sich heute dazu bekennen, sind 30 Jahre und älter.“ Sie brauchten ein Stück Lebensbiografie und die Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen, um diese Erfahrung zu machen.

Bisexuell sein heißt nicht bisexuell leben

Allerdings erlebt nicht jeder Bisexuelle seine Sexualität so drängend, dass er alle Facetten ausleben muss. Viele führen ihr Leben mit der Erkenntnis, bisexuell zu sein, genauso weiter wie bisher. Es ist wie der Gedanke an einen Seitensprung, der nie ausgeführt wird. Andere leben ihre Bisexualität in Phasen aus. Sie sind einige Jahre nur mit Frauen zusammen, danach mit Männern und selten oder nie mit beiden gleichzeitig. Oft verheimlichen sie den jeweiligen Partnern ihre sexuelle Orientierung und geben sich – je nach Partnerschaft – als hetero- oder homosexuell aus.

Volker von Thenen gehörte zu diesen Menschen. Seiner Ex-Frau hat er nie von seiner Bisexualität erzählt. Dabei war ihm selbst seine Neigung seit der Pubertät bewusst. Den ersten Sex hatte der heute 47-Jährige mit einem Mann, dann sammelte er Erfahrungen mit Frauen und wollte beides nicht mehr missen. Bis er sich zum ersten Mal richtig verliebte: „Da dachte ich, die Bisexualität sei nur eine Phase und ginge vorbei.“
Der junge Mann tat, was damals üblich war: Er heiratete mit 25 Jahren seine große Liebe und bekam wenig später mit ihr eine Tochter. „Ich war treu in unserer Ehe und habe auch damals den Sex mit Männern nicht vermisst.“ Dennoch hielt die Beziehung nicht und in den folgenden zehn Jahren habe er sich sexuell „ausgetobt“, erzählt von Thenen. Um nicht den Eindruck zu erwecken, es hätte sich über die Jahre ein großer Drang angestaut, beeilt er sich, hinzuzufügen: „Es war nicht unbedingt nötig, aber es hat sich so ergeben.“
Seit sieben Jahren ist Volker von Thenen wieder mit einer Frau zusammen. Als er sie mit seiner Bisexualität konfrontierte, war das für sie zunächst ein Schock: „Sie hatte Angst, mir sexuell nicht zu genügen. Aber das ist doch Quatsch: Bisexuell sein bedeutet doch nicht, auf Sex fixiert zu sein.“ Ein heterosexueller Mann schlafe ja auch nicht zwangsläufig ständig mit anderen Frauen. Inzwischen hat er seine Freundin überzeugt: „Ich kann genauso gut eine treue monogame Beziehung führen, wie jeder Heterosexuelle auch.“

Für die meisten Homo- oder Heterosexuellen ist Treue mehr als nur ein Liebesideal. Sie ist Voraussetzung für eine Beziehung. Wenn ein Partner allerdings zugleich Männer und Frauen liebt, gerät dieses Ideal ins Wanken. Der andere denkt, er müsse gleichzeitig mit beiden Geschlechtern konkurrieren und fühlt sich machtlos. Wenn keiner für die Beziehung kämpft, scheitert die Partnerschaft an dieser Ohnmacht. „Die Frage nach Monogamie ist der Knackpunkt in der Diskussion um Bisexualität“, sagt Jürgen Höhn. „Dabei ist Monogamie in einer hetero- oder homosexuellen Beziehung genauso wenig garantiert.“

Verheiratet, zwei Kinder, bisexuell

Höhn sieht in der Monogamie kein erstrebenswertes Ziel. Selbst wenn ein dritter oder sogar vierter Partner hinzukommt, müsse eine Beziehung nicht scheitern, sagt er. „Den meisten Menschen fehlen nur alternative Lebensmodelle. Mit den richtigen Strategien können sie Konflikte lösen und ihre Partnerschaft stabilisieren.“ Wie zum Beweis erzählt er von seiner eigenen Lebenssituation: Neben Frau und Kindern führt Jürgen Höhn eine Beziehung mit einem Mann, seine Partnerin hat ebenfalls eine Geliebte.

Wenig Forschung um ein Minderheitenphänomen
Bisexualität führt nicht nur innerhalb einer Partnerschaft zu Konflikten. „Minderheiten werden von der Gesellschaft sehr oft negativ bewertet“, sagt der Sozialmediziner Harald Stumpe. Das belegt auch eine Umfrage, die das schwule Anti-Gewalt-Projekt in Berlin, Maneo, im Jahr 2007 veröffentlichte. Von 23 949 Schwulen und bisexuellen Männern gaben fast 40 Prozent an, innerhalb der letzten zwölf Monate wegen ihrer sexuellen Orientierung beschimpft und beleidigt worden zu sein. Knapp 15 Prozent wurden sogar bedroht. Damit diese Diskriminierung aufhöre, sei es wichtig, sichtbar zu werden und sich zu emanzipieren, erklärt Stumpe.
In der deutschen Forschung führt die Bisexualität ebenfalls noch ein Schattendasein. Harald Stumpe erklärt das zum Teil mit dem Schock über die Kinsey-Skala 1948. Sie kam zu dem Ergebnis, dass über 90 Prozent der Bevölkerung zu einem gewissen Grad bisexuell seien. Dieser Schock habe die Finanzierung der Forschung im Bereich Bisexualität ausgebremst und bis heute habe sich daran nicht viel geändert. Zudem sei das Thema für viele Entscheidungsträger tabu, anstößig oder einfach überflüssig.

Psychische Probleme, Essstörung und Suizid
Amerikanische Studien beleuchten dagegen die Einflüsse, die Bisexualität auf die Psyche der Betroffenen haben kann. Ein Forscherteam der kalifornischen Universität Los Angeles kommt in einer Umfrage unter 2074 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren zu dem Ergebnis, dass sich Homo- und Bisexuelle mehr als doppelt so oft in psychotherapeutischer Behandlung befinden als Heterosexuelle. Und auch das Risiko, eine Essstörung zu entwickeln, sei für die Betroffenen größer, bescheinigt eine Befragung der Mailman School of Public Health unter 516 New Yorkern. Forscher der McGill University in Montreal fanden in einer Untersuchung mit 1900 High-School-Studenten außerdem heraus, dass Homo- und Bisexuelle mit einer größeren Wahrscheinlichkeit suizidgefährdet sind als heterosexuelle Jugendliche.
Auch wenn Bisexualität in der Gesellschaft noch nicht immer als sexuelle Orientierung ernst genommen wird: „Es hat sich in den letzten Jahren extrem viel getan“, sagt Harald Stumpe. Er ist überzeugt, dass das Internet dafür eine entscheidende Rolle spielt. „Es ermöglicht, anonym den ersten Schritt zu gehen. Im Netz können Bisexuelle sich ausprobieren. Hier sammeln sie virtuell über die Webcam oder verbalerotisch erste Erfahrungen.“ Zudem könnten Betroffene über das Netz Treffen in der realen Welt arrangieren. Der Professor für Sozialmedizin und Sexualwissenschaft hat über drei Jahre das Chat- und Kontaktportal für Schwule, bi- und transsexuelle Männer, GayRomeo, beobachtet: „2006 gaben nur 19 Prozent der Nutzer an, bisexuell zu sein, inzwischen sind es schon 25 Prozent.“


http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/…aid_492781.html