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Freitag, 7. November 2014, 16:40

Wo sind all die bisexuellen Jungs?

Entnommen von vice

September 29, 2014

Von Paris Lees

Letzte Woche war der Tag der Bisexualität. Was bei mir die Frage aufwarf: Wo sind denn bitte die ganzen bisexuellen Männer? Ich kenne so einige Typen, die mir gestanden haben, dass sie schon gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen gemacht haben, aber eben nur eine Handvoll, die offen zugibt, bi zu sein.

Vielleicht deshalb, weil Bisexualität jahrelang als nichtsnutziger kleiner Bruder der Homosexualität gescholten wurde—so eine Art Zwischending zwischen heterosexueller Anständigkeit und vollendeter Schwulheit. Bisexuelle übertragen Krankheiten. Bisexuelle akzeptieren nicht, dass sie in Wirklichkeit schwul sind. Bisexuelle sind gierig, verwirrt, egoistisch. Schwachsinn. Kein Wunder, dass bisexuelle Männer mit ihrer Orientierung hinterm Berg halten.

Wahrscheinlich habe ich diese dummen Dinge alle selbst einmal geglaubt. Ich, die ich in Nottingham aufgewachsen bin, hatte gar nicht bemerkt, dass ich mich von Männern und von Frauen angezogen fühlte. Das hing natürlich vom jeweiligen Mann oder der jeweiligen Frau ab. Generell stehe ich eher auf Männer. Aber ich würde lieber was mit einer attraktiven jungen Frau anfangen als mit einem fetten alten Mann. Vermutlich geht es nicht nur mir so.

Um ehrlich zu sein, kenne ich nur wenige Frauen unter 30, die keine Lust auf beides hätten. Und auch, wenn das Wort „bisexuell” bei Weitem nicht so häufig in der Presse erwähnt wird, wie die Worte „schwul” oder „lesbisch”, gibt es trotzdem eine Vielzahl bekannter bisexueller Frauen: Angelina Jolie, Neneh Cherry, Drew Barrymore, Lady Gaga, Amanda Palmer, Sia.

Also, wo stecken bloß die ganzen bisexuellen Männer?

Es gibt sie. Sie outen sich bloß nicht. Aktuelle Untersuchungen haben gezeigt, dass nur etwas über ein Viertel aller Bisexuellen offen mit der eigenen Sexualität umgeht. Heutzutage verstecken sich vermutlich mehr Bisexuelle als Homosexuelle. Laut Alfred Kinsey, dem Vater unseres modernen Verständnisses von Sexualität, „haben 46 Prozent der männlichen Bevölkerung im Erwachsenenalter sowohl heterosexuelle als auch homosexuelle Erfahrungen gemacht oder fühlten sich von beiden Geschlechtern erregt.” Das war 1948, jedoch haben nur wenige darauf folgende Studien ähnlich hohe Zahlen angegeben. In der Popkultur gibt es einige Bespiele für männliche Bisexualität—Frank Ocean, Brian Molko, Bret Easton Ellis. Viele sind das aber nicht. Und während in den feuchten Träumen bisexueller Frauen Schönheiten wie Megan Fox die Hauptrolle spielen können, bleibt bisexuellen Männern nur, nun ja, Alan Cumming.

Und fast jedes Mal, wenn ein etwas bekannterer Mann offen über seine gleichgeschlechtlichen Vorlieben spricht, macht er irgendwann einen Rückzieher oder stellt seine Äußerungen klar. Normalerweise immer dann, wenn er berühmt werden will. Die Liste großer Männer, die ihren Mut (und meinen Respekt) verloren haben, ist lang und deprimierend. Sie reicht von Byron bis Bowie. Auch Tom Hardy steht drauf—wobei ich mich trotzdem zu jeder Tages- und Nachtzeit von ihm vögeln lassen würde.

Boy George erwähnte 1996 in seiner Autobiografie Take It Like a Man die sexuellen Eskapaden von Bush-Gitarrist Gavin Rossdale mit Marilyn, dem androgynen Popsänger aus den 80er Jahren. Rossdale bestritt, eine sexuelle Beziehung zu Marilyn gehabt zu haben, und drohte Boy George mit seinen Anwälten. 2010 hatte Rossdale seine Taktik dann aber geändert und die Beziehung als Teil seiner Experimentierphase abgetan. Natürlich ist es allein Gavin Rossdales Sache, mit wem er zusammen ist, und natürlich muss er über nichts sprechen, über das er nicht sprechen möchte. Aber ich bin einfach jedes Mal enttäuscht, wenn jemand wie er wegen der eigenen gleichgeschlechtlichen Beziehungen derart in die Defensive geht. Ich meine, er ist heiß, er ist erfolgreich, er ist mit Gwen Stefani zusammen. Was hat er zu befürchten? Wenn deine Bisexualität das einzige ist, was du zu verheimlichen versuchst, macht das den Eindruck, dass sie etwas ist, wofür man sich schämen müsste.

Schuld an der Misere sind aber nicht nur die Bisexuellen. Wir sind alle daran schuld. Wenn eine bisexuelle Person in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung ist, glauben viele von uns, dass sie in Wirklichkeit homosexuell ist. Wenn eine bisexuelle Person in einer heterosexuellen Beziehung ist, nehmen wir an, ihre Bisexualität war nur eine Phase und sie ist jetzt wieder auf der sogenannten richtigen Spur. Wir alle tun das. Ich tue das. Ihr habt das vermutlich auch schon getan. Es muss erdrückend sein, bisexuell zu sein, während alle Menschen um euch herum ihre eigenen stumpfsinnigen Vorstellungen von eurer Sexualität auf euch projizieren.

Viele Bisexuelle landen schließlich in heterosexuellen Beziehungen—weil es einfacher ist. Wer würde das nicht? Vor allem, wenn eine gleichgeschlechtliche Beziehung bedeuten würde, dass ihr euch mit all dem sinnlosen Geschwätz auseinander setzen müsstet, das mit dem Schwulsein in unserer ach so liberalen Gesellschaft einhergeht?

Euer bisexuelles Begehren unter den Teppich zu kehren, ist aber auch keine Lösung. Untersuchungen, die von der LGBT-Organisation Stonewall durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass bisexuelle Männer ein größeres Selbstmordrisiko haben als schwule Männer. Ihr Risiko für selbstverletzendes Verhalten ist doppelt so hoch. Es ist auch weniger wahrscheinlich, dass sie sich auf sexuell übertragbare Krankheiten testen lassen. Das sind keine gesichtslosen Statistiken. Die Person, die sich ritzt oder darüber nachdenkt, sich das Leben zu nehmen, könnte euer Kollege sein, euer bester Freund, euer Bruder. Vielleicht der Mensch, mit dem ihr schlaft. Wie viele Menschen leiden still vor sich hin und setzen sich—und ihre Sexualpartner—einem Risiko aus und das aus Angst vor Ablehnung oder Spott?

Ich verstehe diese Angst. Für manche Männer ist es schwer genug, überhaupt jemanden zu finden. Auch ohne sich Sorgen darüber machen zu müssen, dass Frauen sie dafür verurteilen werden, dass sie mit Männern geschlafen haben. Aber mal ehrlich, jede Frau, die sich von eurer experimentierfreudigen Seite abschrecken lässt, wird es im Bett wahrscheinlich eh nicht bringen. Wenn sie so simpel gestrickt ist, dass sie nicht damit umgehen kann, dass ihr auch auf Männer steht, wie soll sie dann mit den ganzen anderen Fantasien umgehen, die ihr euch für eine vertraute und abenteuerlustige Partnerin aufgehoben habt? Die Art böses Mädchen, das ihr sucht, schert sich um so etwas nicht. Genau genommen wird es sie wahrscheinlich anmachen.

Und an alle Frauen da draußen: Lasst eure männlichen Freunde wissen, dass es in Ordnung ist. Sonst braucht ihr das nächste Mal gar nicht heulend angelaufen zu kommen, wenn ihr es mit zwei Typen gleichzeitig treiben wollt und sie ihre Schwänze sofort rausziehen, sobald sie durch euer Septum rectovaginale gegeneinander reiben. (Ja, so heißt das.)

Ich behaupte ja nicht, dass alle Menschen bi sind oder sein sollten. Was Sex angeht, sollte sich niemand zu irgendetwas gedrängt fühlen. Genauso wenig sollte niemand das Gefühl haben, er dürfe nicht tun, was er unbedingt tun möchte. Alles natürlich immer unter der Voraussetzung, dass alle Beteiligten aufgeklärt sind und zugestimmt haben.

Also, an alle bisexuellen Männer da draußen: Ich lasse euch nicht im Regen stehen. Ich treibe es mit euch. So wie viele andere Schlampen jeden Geschlechts im ganzen Land auch. Ich behaupte ja nicht, dass ihr herumlaufen und jedem erzählen müsst, dass ihr bi seid, nur weil ihr an der Uni mal einem Typen einen runtergeholt habt. Nicht, wenn ihr das nicht wollt. Wenn ihr aber, wie tausend andere, auf gleichgeschlechtlichen Sex abgeht, dann gibt es keinen Grund, das zu verheimlichen. Es ist alles wunderbar. Liebt, wen ihr lieben wollt, seid, wer ihr sein wollt, und schlaft, mit wem ihr schlafen wollt.