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Mittwoch, 6. Juni 2012, 16:50

"Plötzlich" bisexuell

Von Carsten Weidemann

Lange Zeit war B. mit Männern glücklich. Erfahrungen mit Frauen hatte er zwar in seiner Pubertät sammeln können, doch später wurde ihm doch klar: Mit den Kerlen klappt es besser, sowohl im Bett als auch in der Beziehung. Die Eltern machten keinen großen Stress, als sie erfuhren, dass ihr Sohn lieber mit Männern zusammenlebt. B. nutzte gern die Szeneläden, um Leute zu treffen. Mit seinem schwulen Bekanntenkreis ging er gern auf das Verzaubert-Filmfestival. Das Coming-out ließ sich als insgesamt gelungen und abgeschlossen betrachten. B. galt überall als der schwule B.

Doch dann passiert es: B. trifft in seinem Job - in einem schwul-lesbischen Betrieb - auf A, diese unglaubliche Power-Frau. Und die Liebe schlägt ein. Bei beiden. Für das Paar, das sich da frisch gefunden hatte, war all das kein großes Problem. Auch A hatte in der Vergangenheit Erfahrungen sowohl mit Männern wie mit Frauen gehabt. Höchst irritiert reagierte dagegen das Umfeld. "Ich dachte, du bist schwul?" Den vermeintlich plötzlichen "Sinneswandel" wollte zunächst kaum einer glauben.

Die sexuelle Orientierung ist Teil der eigenen Identität. Wenn Schwule und Lesben ihren Coming-out-Prozess durchlaufen, rückt ebendiese Orientierung in den Mittelpunkt. Sie kann sehr prägend sein, vor allem, wenn eine homophobe Umwelt das eigene "So Sein" negiert. Das ist wohl der Hauptgrund, warum jemand, der sich bislang als schwul oder lesbisch bezeichnet hat und dann aus dieser Schublade ausbricht, für Verwirrung sorgt. Die "monosexuelle" Norm in unserer Kultur wirkt auch "andersrum" bis in die Community hinein.

Offen sein für das, was einem das Herz rät
Beziehung, Liebe und Sexualität zu Menschen beiderlei (biologischen) Geschlechts aufbauen zu können, ist eigentlich etwas Wunderbares. Wer bi ist, dem stehen wesentlich mehr Möglichkeiten zur Verfügung. Es gibt einem die Chance, wesentlich freier und selbstbestimmter sein Beziehungsleben zu gestalten. Wer sich nur in der einen Schublade aufhält, der wird mit Sicherheit einige Erfahrungen nicht machen.

Nach der Selbsteinschätzung der Befragten in repräsentativen Studien zu urteilen, ist Bisexualität unter Frauen in westlichen Industriestaaten weiter verbreitet als unter Männern. Darüber hinaus geben Menschen mittleren Alters bisexuelle Neigungen häufiger an als Personen jüngeren Alters. Hierbei könnte es sich um einen Generationeneffekt handeln, da die Häufigkeit homosexueller Handlungen unter männlichen Jugendlichen laut einer Studie des Instituts für Sexualforschung an der Universität Hamburg in den letzten 30 Jahren von etwa 18 Prozent auf zwei Prozent gesunken ist. Erklärt wird dies unter anderem mit Befürchtungen, als "Schwuler" zu gelten.

Wichtig ist es, sich von Identitätszwängen und Beziehungsnormen, die einem von außen aufgedrückt werden, zu befreien. Es ist völlig egal, das Mutti sich jetzt doch wieder Hoffnungen macht wegen möglicher Enkel, und es ist nicht wichtig, dass das Label "schwul" oder "lesbisch" aus Sicht der Freunde nicht mehr passt. Wichtig ist, was einem das eigene Herz sagt. Wenn die Schmetterlinge im Bauch einen Aufruhr starten, sollte man ihnen folgen. Das zweite, das bisexuelle Coming-out läuft dann auf jeden Fall einfacher.

Quelle: http://www.queer.de/detail.php?article_id=14066